… und ging vorüber.

Als Mensch, Vater und China-Beobachter (in dieser Reihenfolge) ist mir das Schicksal der kleinen Yueyue sehr nahe gegangen und hat mich die letzten Tage zum Nachdenken gebracht. Das zweijährige Mädchen wurde in der südchinesischen Stadt Foshan von zwei Transportern überfahren. Aufgezeichnet von einer Überwachungskamera lag das sterbende Kind minutenlang auf der Straße und 18 Passanten gingen an ihr vorüber, ohne ihr zu helfen. Erst eine ältere Frau – eine Müllsammlerin – trug das Kind von der Straße und holte Hilfe. Die Geschichte ist auch in unseren Medien ausführlich berichtet worden, den Hergang der Ereignisse kann man bspw. auf den Seiten der Süddeutschen Zeitung nachlesen.

In der Diskussion, welche die Tragödie in China ausgelöst hat, werden in erster Linie die zunehmende Kälte und materialistische Orientierung der chinesischen Gesellschaft für die Teilnahmslosigkeit der Passanten verantwortlich gemacht. Hier ein Beispiel, das es online zu einiger Prominenz gebracht hat, mit direktem Bezug zum Tod des kleinen Mädchens. Bei uns im Westen kommen aber noch einige Erklärungsmuster hinzu. Der Spiegel legt die chinesische Gesellschaft auf die Couch der Psychoanalyse und diagnostiziert, dass für Chinesen alles unwichtig ist, was sich außerhalb der unmittelbaren sozialen Umgebung – in erster Linie der Familie – abspielt. Frank Sieren hat schon vor längerer Zeit in eben dieser die mangelnde Hilfsbereitschaft der Chinesen bei Unfällen auf die konfuzianische Tradition zurückgeführt. Im Gegensatz zum Christentum mangele es dem Konfuzianismus an der allwissenden und strafenden Instanz Gottes, die dem Gebot der Nächstenliebe Nachdruck verleiht.

Nun könnte man sich darüber streiten, was wohl den größeren Anreiz zu tätiger Nächstenliebe darstellt: das von Außen kommende Gebot Gottes, oder die Annahme einer dem Menschen angeborenen Fähigkeit zum Guten und zum Mitfühlen mit Anderen, wie sie nach Menzius (4. Jh. v. u. Z.) dem Gebäude der konfuzianischen Ethik zu Grunde liegt. Wie Frank Sieren in seinem Beitrag andeutet, kann die christliche Pflicht zur Nächstenliebe auch zu einer Doppelmoral führen, die sich öffentlich anders darstellt, als sie tatsächlich handelt. Dem Menschen die Fähigkeit zum Gutsein und zur Nächstenliebe zu zu trauen scheint mir die geschicktere Motivation zu sein. Die optimistische Menschensicht im Konfuzianismus hat jedenfalls eine große Zahl von Beispielen für couragiertes Eintreten für Andere hervorgebracht. Der konfuzianische Philosoph und Politiker Zhu Xi (1130-1200) soll als Kreisvorsteher einmal den Sohn eines reichen Gutsbesitzers verurteilt haben, weil dieser auf seinem Pferd rücksichtslos durch das Dorf geprescht war und dabei das Kind eines armen Bauern niedergeritten hatte. Dabei berief er sich nicht nur auf das Gesetz, sondern vor allem auf die Forderungen der konfuzianischen Moral. Zhu Xis Verhalten war nicht typisch für seine Zeit. Normalerweise konnte ein Angehöriger der Oberschicht darauf vertrauen, auch rechtlich privilegiert behandelt zu werden. Aber das resultierte nicht aus einem Defekt der konfuzianischen Ethik an sich, sondern lag an den konkreten gesellschaftlichen Umständen (die damals im christlichen Abendland aber auch den Adel bevorzugten).

Mir scheint die Vorstellung von dem apathischen Chinesen, der ungerührt dem Leid seiner Mitmenschen zuschaut ein Stereotyp zu sein, dass vor allen Dingen auf zwei Autoren zurückgeht: Lu Xun (1881-1936) und Lin Yutang (1895-1976). Lu Xun hat seine Wendung vom Medizinstudium zur sozialkritischen Schriftstellerei begründet mit dem Erlebnis der Apathie von Chinesen bei der Hinrichtung eines Landsmannes durch japanische Soldaten. Diese Stellungnahme ist so bekannt geworden, dass sie die deutsche Wikipedia in ihrem Artikel zu Lu Xun im Volltext zitiert. Der chinesisch-englische Schriftsteller Lin Yutang hat mit seinem im Westen früher viel gelesenen Buch My country, my people die Herleitung der chinesischen Indifferenz aus der konfuzianischen Familien-Ethik populär gemacht. Dabei räumt er in seinem Buch an anderer Stelle ein, dass die Indifferenz in China ein Produkt der gesellschaftlichen Realitäten gewesen sei. Dies scheint mir zutreffender zu sein.

Der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem sich die Tragödie um Yueyue in Foshan abgespielt hat, wird doch durch drei Faktoren bestimmt, welche die Hilfsbereitschaft in China anderen gegenüber stark einschränken müssen:

1. Kaum ein Chinese hat eine adäquate Krankenversicherung oder Haftpflichtversicherung. Wer zu schaden kommt, muss die Kosten also in der Regel aus eigener Kraft tragen können, Kompensation durch die eigene Krankenversicherung oder die Haftpflicht des Unfallgegners kommt kaum in Betracht.

2. Wegen diesen Mangels an sozialer Absicherung haben in der Vergangenheit schon häufiger Unfallopfer einen gutmütig helfenden, aber sonst völlig unbeteiligten als Unfallverursacher angeklagt, um sich von ihm eine Geldzahlung zu sichern. Das größte Aufsehen hat 2006 ein Fall in Nanjing erregt, weil ein Gericht den fälschlich angeklagten Helfer tatsächlich verurteilt hat, mit der Begründung, der Mann hätte dem Opfer ja nicht geholfen, wenn er sich nicht schuldig an dem Unfall gefühlt hätte. Quod erat demonstrandum.

3. Chinesische Krankenhäuser verweigern tatsächlich die Behandlung von Kranken und Verletzten, wenn die Übernahme der Kosten nicht vorher geregelt worden ist. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Hilfe besteht nicht, der hippokratische Eid hat keine bindende Wirkung.

Hinzu kommt noch die historische Erfahrung vor allem der Mao-Zeit, dass es für den Einzelnen extrem gefährlich sein kann, Mitgefühl für fremde Menschen auszudrücken. Mitgefühl war eine bourgeoise und damit konterrevolutionäre Gefühlsduselei, die man besser für sich behielt, zumal die Ziele des maoistischen Furors häufig und abrupt wechseln konnten, so dass man nie wusste, welche Haltung nach außen zu zeigen gerade angebracht war. Eine solche Haltung aus einer historischen Unsicherheits- und Bedrohungserfahrung lässt sich nicht so schnell ablegen.

Ist es vor diesem Hintergrund dann noch sehr verwunderlich, wenn kein Chinese einem anderen, der zum Opfer eines Unfalls geworden ist, beistehen mag? Stellen Sie sich vor, Sie kommen an einen Unfallort, rufen über ihr Handy den Notarzt und der fragt Sie nach seinem Eintreffen zuerst, ob Sie denn auch die Kosten für den Einsatz übernehmen werden. Zahlen Sie das Geld? Hoffen Sie auf eine spätere Rückerstattung durch eine Sammelspende? Oder verweigern Sie die Hilfe durch Kostenübernahme? Und das ist schon etwas anderes, schwierigeres, eine konkrete Hilfe selbst zu verweigern. Da ist es doch einfacher (und sicherer), so zu tun, als hätte man nichts gesehen und geht vorbei.

Das bedeutet aber auch, dass ein großer Teil der Verantwortung für den Tod des kleinen Mädchens bei der chinesischen Regierung liegt, die es seit Jahren versäumt, ihren Bürgern ein funktionierendes soziales Sicherungssystem und ein solides Rechtswesen zu bieten. Das Urteil von Nanjing hält keinen Rechtsnormen, auch keinen chinesischen Stand. Es gründet in der Ignoranz und miserablen Ausbildung des Justizpersonals, eventuell auch in der Korruption des gesamten Systems. Dass es in China an einem tragfähigen sozialen Sicherungssystem mangelt, ist der Exportorientierung der chinesischen Wirtschaft mit billigen Konsumgütern geschuldet, die keine Erhöhung der Lohnnebenkosten durch sozialen “Firlefanz” verträgt. Die 3 Billionen US Dollar an Devisenreserven des chinesischen Staates stammen aus den Exportüberschüssen, welche die chinesische Gesellschaft erarbeitet hat. Dieses Geld gibt der Staat aber nicht der Gesellschaft zurück, indem er bspw. in die soziale Absicherung seiner Bürger investiert, sondern behält es zu anderen Zwecken zurück. Die Krise der Moral in China ist also in erster Linie ein Versagen der chinesischen Politik. Dass der Staat die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen muss, in denen sich moralisches Verhalten der Bevölkerung erst entfalten kann, ist übrigens ein sehr konfuzianischer Gedanke.

Bleibt ein Blick auf die Müllsammlerin. Sie besitzt nichts, was sie zur lohnenden Zielscheibe einer ungerechtfertigten Regressforderung werden lassen könnte. Vielleicht war sie auch darum innerlich frei, auf ihren ethischen Instinkt zu hören und dem Mädchen zu helfen. Auch der barmherzige Samariter aus dem Lukas-Evangelium war ja ein gesellschaftlicher Aussenseiter (wenn auch kein Armer) und half dem Raubopfer trotzdem (oder gerade deswegen?). Und hier tut sich dann vielleicht doch eine moralische Krise Chinas auf. Denn Moral ist, wenn man trotzdem hilft, auch wenn man etwas dabei zu verlieren haben könnte. In einer Gesellschaft, die so sehr auf den materiellen Erfolg fixiert ist, wie die chinesische – man denke an Deng Xiaoings Aufruf “Reich werden ist ruhmvoll” – bleibt für den selbstlosen Impuls der Hilfe für in Not geratene Andere leider kein Spielraum. Der Müllsammlerin hat man als Belohnung für ihre Hilfe Geldgeschenke aus Unternehmensspenden gemacht und ihr sogar eine feste Arbeit angeboten. Dahinter steckt auch die Idee, ethisches Verhalten durch materielle Anreize zu fördern. Ein solcher Versuch muss aber meiner Ansicht nach scheitern, denn Altruismus kann man eben nicht erkaufen, Selbstlosigkeit läßt sich nicht durch Apelle an den Eigennutz erzielen. Man muss sich schon entscheiden, eine Wahl treffen. So wie der Konfuzianer Menzius: “Ich liebe mein Leben, ich liebe aber auch die Gerechtigkeit. Wenn ich nun nicht beides zusammen haben kann, dann wähle ich die Gerechtigkeit und verzichte auf mein Leben”.